Verlagsgruppe Oetinger

Interview

Antonia Michaelis

Mit welcher Ihrer Figuren haben Sie am meisten gemeinsam?

Mit Nada aus dem Lighthouse. Aber das ist erstens noch nicht erschienen und zweitens ein Erwachsenenbuch.
Insgesamt denke ich – man verzeihe mir den Vergleich: Ein Autor ist so etwas wie ein sehr großer Sauerteig. Er nimmt kleine Stücke von sich selbst, verknetet sie mit Mehl und lässt sie gehen, und interessanter Weise kommt jedes mal etwas anderes dabei heraus. Die Form des Teigs hängt wahrscheinlich davon ab, wo man ihn gehen lässt, im Keller, auf dem Dachboden, unter der Bettdecke oder im Blumentopf. Am Ende muss die Figur natürlich noch gebacken und mit bunten Zuckerstreuseln verziert werden, aber das ist beinahe unnötiger Firlefanz.
Man könnte also sagen, ich, der Sauerteig (äh), BIN alle meine Figuren. Sie sind einfach unterschiedliche Facetten derselben Persönlichkeit. Ich bin auch die, die mir ganz unsympathisch sind. Die vor allem.

 
Wie gut kennen Sie Ihre Figuren? Wissen Sie zum Beispiel, wann sie Geburtstag haben oder was sie am liebsten essen?

Tatsächlich habe ich die Beantwortung dieser Fragen hinausgeschoben, weil ich darüber nachdenken musste, was meine Figuren am liebsten essen. Ich weiß es nicht.
Ich weiß, in welcher Tonart sie weinen, auf welche Sprache sie fluchen, in welcher Farbe sie wütend sind und wie sie, wenn sie müssten, ein Shakespeare-Stück spielen würden. Aber was sie am liebsten essen, weiß ich nicht. Natürlich essen die Kreuzberger Kids gerne Schokoladenkuchen, das weiß jeder, der das Buch gelesen hat. Abgesehen davon … da die älteren Figuren oft ziemlich unbequeme Abenteuer erleben, würde ich sagen: Sie essen, genau wie ich, einfach das, was da ist, und hoffen, dass es möglichst viele Kalorien hat, damit es für das nächste unbequeme Abenteuer ausreicht.
Den Geburtstag kenne ich nur von Abel, dem Märchenerzähler: Der hat am 13. März Geburtstag. Aber das ist ein eher trauriges Datum.

 
Erinnern Sie sich noch an das erste Buch, das Sie gelesen haben?

Ja, das war eines über drei kitschige kleine Katzen, die mit einem Wknoll, nee, mit einem Wolkenull, nee, mit einem Wollkleid? spielten. Ich habe es nie herausgefunden, denn ich war damals 5, noch nicht in der Schule und eher schlecht im Lesen. Im Abstand von drei Minuten habe ich wütend nach meiner Mutter geschrien und ihr erklärt, was da stünde, gäbe keinen Sinn und könnte gar nicht sein, ich meine, was ist bitteschön ein Wirknidl?

 
Welche Bücher haben Sie als Kind gern gelesen?

Vor allem die viereckigen mit den Seiten drin. Ich hatte, ich gebe es zu, eine Jette-und-Nette-Phase. Das ist mir bis heute peinlich. Ansonsten alles von Astrid Lindgren außer Pipi Langstrumpf, die mag ich nicht, und auch alles, was nicht von Astrid Lindgren stammte. Blöd war, dass ich mit 10 das Büchereiregal für die Jugendlichen durch hatte. Danach wurde es etwas teuer. Vor allem haben wir uns vorgelesen, meine Eltern und ich, gegenseitig, und wir tun das heute noch. Es ist nämlich ein Trugschluss, dass man Kindern nur vorlesen muss, bis sie selber gut genug lesen können.
Und den armen Erwachsenen liest auch nie einer vor.


Waren Sie gut in Deutsch?

Ja. Blöder Weise: Ja. Das geht aber keinen was an. Ich erzähle den Kindern immer, dass ich schlecht in Deutsch war. Und natürlich war ich auch manchmal schlecht – eine Lehrerin hat mir mal einen Hausaufsatz (Vorgangsbeschreibung: Wie putze ich ein Fenster) zurückgegeben und gesagt, ich sollte mich nicht über den Fleck darauf wundern, sie hätte vor Schreck darüber, wie schlecht der Aufsatz war, ihren Kaffee verkippt. Im Fensterputzen bin ich heute noch nicht gut.
Später verfasste ich bei Klassenarbeiten immer erst meine und dann die meiner Sitznachbarin, was unser sehr cooler Deutschlehrer genau wusste; er hat ihre Note dann ausgewürfelt.
Und mein Abitur habe ich über Faust 2 geschrieben, den ich nie gelesen habe, und irgendwie bewiesen, dass Mephisto erstens der bessere Mensch und zweitens philosophisch gesehen Nihilist ist so wie ich. Naja.

 
Würden Sie gerne einen Tag mit Pelle, Max und Bella aus "Kreuzberg 007" verbringen? Was würden Sie zusammen unternehmen?

Ich weiß nicht. Bella würde mich wahrscheinlich schon nach zwei Stunden zu Tode nerven. Ich nehme an, wir würden nach einer ausführlichen Stärkung mit Schokoladenkuchen einen abstrusen Plan zur Rettung der Welt entwickeln, vielleicht würden wir sie vor der nächsten Wirtschaftskrise retten, in dem wir hübscheres Geld basteln.Oder wir könnten dafür sorgen, dass die Flüsse sauberer werden, in dem wir Flüssigseife in die Spree kippen. Oder wir würden Bestsellerlisten per Dekret verbieten und alle rosa Bücher in der Buchhandlung Mara Mang am Meringdamm grün anmalen. James würde uns empfehlen, mittels seiner im Bauchnabel versteckten Miniatur-Druckmaschine einen revolutionären Verlag in einer Zigarettenschachtel zu gründen, und Max hätte hoffentlich ein kleines Picknick bei sich …
Übrigens HABE ich schon einen Abend mit den dreien verbracht, in eben jener Buchhandlung. Sie waren bei meiner Lesung, haben aber nicht zugehört, weil sie die Regale nach einem Verbrecher absuchen mussten. Jedenfalls steht es so im dritten Band.

Kreuzberg 007 - Geheimnisvolle Graffiti

Kreuzberg 007 - Mission grünes Monster

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