Verlagsgruppe Oetinger

Annemarie Bon: Mette unter Verdacht

Wenn Mütter ihre eigenen Kinder krank machen:
Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom –
eine seltene Krankheit

 

Mette ist 15 Jahre alt und träumt davon, an einem Zeichenkurs in Barcelona teilnehmen zu können. Dafür möchte sie sich ein bisschen Geld dazu verdienen und deshalb geht sie öfters babysitten. Das ist kein Problem für Mette, denn sie hat Kinder sehr gern.
Eines Tages jedoch wird ein Baby, auf das sie aufpassen sollte, tot im Bettchen gefunden. Als sei das nicht schon schlimm genug, wird auch noch festgestellt, dass das Kind keinen natürlichen Tod gestorben ist. Da Mette die einzige war, die mit dem Kind zur Todeszeit allein war, gerät sie unter Verdacht, für den Tod des Kindes verantwortlich zu sein.
Mette ist verzweifelt. Sie hat dem Kind doch nichts getan! Sie könnte doch keiner Fliege etwas zu leide tun! Schließlich fängt Mette an, selbst an sich zu zweifeln: Hätte sie öfters nach dem Kind sehen sollen?

Annemarie Bon greift in ihrem Thriller Mette unter Verdacht ein sehr kompliziertes Thema auf. In dem Buch kommt schließlich heraus, dass Mette unschuldig ist, denn die Mutter des Kindes ist selbst für den Tod des Babys verantwortlich. Der Grund dafür ist die Krankheit, an der die Mutter leidet: das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom.

Hinter diesem schwierigen Wort verbirgt sich eine schreckliche Krankheit. Meistens leiden Frauen unter dieser Krankheit, nur selten kommt sie bei Männern vor. Die Krankheit äußert sich sehr merkwürdig: Die Mütter sorgen dafür, dass die Kinder ständig krank sind und zum Arzt müssen. Viele Frauen schrecken sogar davor nicht zurück, die Kinder mit falschen Medikamenten krank zu machen oder ihnen Knochen zu brechen. In der Öffentlichkeit präsentieren sich diese Frauen dann als liebevolle und sorgende Mütter. Wie geht das zusammen und warum tun sie das?

Man vermutet, dass die betroffenen Frauen darunter leiden, selbst zu wenig Aufmerksamkeit von der Familie oder von Freunden zu bekommen. So versuchen sie sich die nötige Anerkennung über die Krankheiten und die Pflege ihrer Kinder zu verschaffen. Das muss man sich ungefähr so vorstellen: Ein krankes Kind benötigt mehr Aufmerksamkeit und Zeit als ein gesundes Kind. Wenn die Mutter dann zusätzlich noch berufstätig ist, wird es noch schwieriger, sich um beides zu kümmern. So kann es passieren, dass die Frau die Rolle der aufopfernden Mutter annimmt, die sich um beides gleichermaßen kümmern muss. Plötzlich sagen Verwandte und Freunde: „Toll, wie du das schaffst, dich um dein Kind zu kümmern.“ Oder: „Ich bewundere, wie du dich um dein Kind kümmerst.“ Nun hat die Mutter die Aufmerksamkeit, die sie vorher vermisst hat. Bei Frauen mit Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom kann das dann der Auslöser sein, ihre Kinder selbst krank zu halten, damit die Bewunderungen von Freunden und Familie nicht aufhören.

Viele der betroffenen Frauen verfügen dabei selbst über ein gutes medizinisches Wissen – so wie die Mutter in Annemarie Bons Roman: In dem Buch ist die Mutter ausgebildete Krankenschwester, so dass sie ihren Kinder gezielt falsche Medikamente verabreichen kann, um sie krank zu machen. Ungefährlich ist das selbstverständlich nicht, wie man auch in Mette unter Verdacht sieht. Immer wieder kommt es vor, dass die Kinder an den Misshandlungen ihrer Mütter sterben. Deshalb ist es auch wichtig die Anzeichen für eine mögliche Misshandlung so früh wie möglich zu erkennen, so dass die Kinder rechtzeitig von ihren Müttern getrennt werden können.
So kann man schließlich froh sein, dass die Krankheit nur äußerst selten vorkommt: Weltweit sind zum Glück nur zwei von 100 000 Kindern unter 16 Jahren davon betroffen.

Zum Buch Mette unter Verdacht