Verlagsgruppe Oetinger

Vorab Leseprobe

5. Kapitel

Eine Katastrophe

Tal war früh aufgestanden, um die Ziegen zu melken. Zitternd

ging er durch die frostige Morgenluft, die seine Hände und

sein Gesicht brennen ließ. Er war froh, als er im Stall war und sich

unter die Ziegen mit ihren warmen Körpern mischen konnte. Während

des Melkens versuchte er sich eine neue Melodie auszudenken

und summte leise vor sich hin, bis ihn laute Stimmen von oben

verstummen ließen. Er seufzte. Mutter und Gaia stritten wieder einmal.

»Was meinst du mit: Es wird schon gut gehen … Nichts geht gut …

Schon jetzt nicht!« Das war die Stimme seiner Schwester, schrill vor

unterdrücktem Zorn. Mais Antwort konnte er nicht verstehen. Ihre

Stimme klang ruhiger, aber eindeutig angespannt, und man konnte

heraushören, welch große Anstrengung es sie kostete, sich zu beherrschen.

»Ich meine, wir haben jetzt schon nicht genügend zu essen«,

schrie Gaia weiter. »Ständig haben wir Hunger … andauernd. Tal

weint manchmal sogar vor Hunger, aber ich vermute, dass du es gar

nicht bemerkst.«

Tal richtete sich auf. Wieder konnte er nicht verstehen, was Mai

sagte, und dann brüllte Gaia wieder.

»Oh doch, Mutter, es stimmt. Du willst es nur nicht wahrhaben.

Du kannst nicht für uns sorgen, Mutter. Du schaffst es nicht.« Sie

weinte inzwischen vor Wut. »Ich wünschte, Vater würde noch leben

… Wenn Vater noch hier wäre, wäre alles besser. Ihm würde

bestimmt etwas einfallen. Vater würde nicht dasitzen und zuschauen,

wie wir verhungern. Er würde nicht sagen: ›Oh nein, wir dürfen

die Berge nicht verlassen, es ist verboten …‹«

Tal hatte genug gehört. Entschlossen stürmte er an den Ziegen vorbei,

rannte die Stufen hinauf und riss die Tür auf. Mit zwei Schritten

war er bei Gaia, holte aus und gab ihr eine Ohrfeige. »Halt die Klappe!

«, fauchte er sie an. »Sei endlich still!«

Gaia hielt sich die Hand an die Wange, auf die er sie geschlagen

hatte, und in ihren Augen schimmerten Tränen, doch ihre Stimme

war plötzlich eiskalt. »Sieh den Tatsachen ins Auge, Tal. Sie bekommt

uns nicht durch diesen Winter. Nicht, wenn sie nicht endlich

mal von diesem Stuhl aufsteht und etwas tut. Und wann hat sie

je irgendwelche Anstalten dazu gemacht?«

Sie schob sich an ihm vorbei und schlug die Tür hinter sich zu.

Tal ballte die Hände zu Fäusten, er zitterte am ganzen Leib. Er kniete

sich vor seine Mutter, die zusammengekauert auf ihrem Stuhl saß

und sich die Hände vors Gesicht hielt. Vorsichtig berührte er sie.

»Mutter?«, sagte er.

Sie hob nicht einmal den Kopf. »Tut mir leid«, sagte sie mehrmals

hintereinander. »Tut mir leid. Es tut mir ja so leid.«

»Nein. Nein, Mutter. Dir braucht nichts leidzutun. Gaia sollte es

leidtun. Sie hat kein Recht, so etwas zu sagen.«

»Schau dich doch mal an.« Sie umfasste sein dünnes Handgelenk.

»Ich kann all deine Knochen spüren.« Sie zögerte. »Stimmt es, dass

du manchmal vor Hunger weinst?«

Wenn Gaia noch da gewesen wäre, hätte er sie noch einmal ge-

ohrfeigt. »Ach, nur ein Mal«, murmelte er. »Da waren wir bis spät

unterwegs … aber wirklich nur dieses eine Mal. Alles ist gut. Es ist

nun mal Winter. Wir haben schon so manchen harten Winter erlebt.

Wir werden auch diesen überstehen.«

Sie lächelte matt. »Mein lieber, guter Tal«, sagte sie und drückte

ihn an sich. Dann gab sie ihm einen zärtlichen Schubs. »Geh schon«,

sagte sie. »Bring die Ziegen nach draußen, solange es hell ist.«

Gaia saß, mit dem Rücken zum Haus, auf der Mauer an den Klippen.

Er rannte zu ihr hinunter, packte sie und zwang sie, ihn anzuschauen.

Da sah er, dass sie weinte.

»Wage es ja nicht mehr, so mit Mutter zu sprechen!« Er war so

wütend, dass er kaum Luft bekam. Rasch rannte er wieder die Böschung

hinauf und verschwand hinter dem Haus.

Kurz darauf sah Gaia ihn mit den Ziegen weggehen. Seufzend erhob

sie sich und folgte ihm.

Aquilon, der erste der Wintermonde, stand gespenstisch weiß und

fast rund am blassblauen Himmel. Er hatte Stürme und eine bittere

Kälte mit sich gebracht, und die Bergwiesen, auf denen die Kinder

im Sommer und Frühherbst die Ziegen grasen ließen, waren

schneebedeckt. Tal legte raschen Schrittes ihre übliche Winterstrecke

zurück: durch das Dorf, an den alten Schächten vorbei und dann

einen steilen Pfad hinauf, der an einem Bach entlangführte, der den

steinernen Brunnen auf dem Marktplatz speiste. Das Wasser hatte

sich inzwischen zu einem kleinen Wasserfall aus Eis geformt. Am

Ende des Pfads blieb er stehen, um Luft zu holen.

Gaia holte ihn ein und sagte leise: »Tut mir leid.«

Er war noch immer wütend. Deshalb sagte er nur: »Du musst dich

nicht bei mir entschuldigen.«

Das Dorf, das nun weit unter ihnen lag, wirkte winzig und schutzlos

inmitten der endlosen Bergketten und unter dem weiten Winterhimmel.

Sie sahen Mai aus dem Haus treten, und Gaia hatte den

Eindruck, dass sie kurz zu ihnen heraufschaute, ehe sie die Stufen

wieder hinaufging und im Haus verschwand. »Ich weiß«, sagte sie.

»Soll ich gleich zu ihr gehen?« Sie wollte nicht warten. Auf einmal

erschien ihr nichts dringlicher, als sich sofort bei ihrer Mutter zu

entschuldigen.

»Keine Zeit«, sagte Tal.

Sie war sichtlich geknickt und Tal dachte sich: Geschieht ihr ganz

recht. Soll sie ruhig noch warten müssen! Schweigend legten sie den

langen Weg zurück, der in ein abgelegenes Tal knapp unterhalb der

Schneegrenze führte. Dieses Tal war vollkommen von Felsen umschlossen:

Man konnte nur den Himmel sehen, stürmisch und klar

vor Kälte, sowie die weißen Berggipfel. Tal gefi el es hier, er schaute

gern zum Himmel hinauf und beobachtete die sich ständig verändernden

Wolken oder die großen Schwärme der Zugvögel, die sich

hier durch heftige Winde kämpfen mussten, die um die Berggipfel

brausten. Gaia hingegen war nervös, fühlte sich eingesperrt, besonders

heute, als sie am liebsten sofort nach Hause gerannt wäre, um

sich mit ihrer Mutter zu versöhnen.

Ganz allmählich verfärbte sich der Himmel zu einem blassen, fast

weißlichen Blau, ehe er sich ebenso allmählich wieder verdunkelte.

Gaia zitterte und wickelte Jasons Decke noch enger um ihre Schultern.

Tal, der leise vor sich hin gesummt hatte, verstummte und

schaute sie fragend an.

»Kalt?«

»Und wie!«

»Es wird auch langsam dunkel. Komm, gehen wir nach Hause!«

Dann rief er den Ziegen wie üblich zu: »Auf geht’s, auf geht’s, auf

geht’s!« Sie trieben ihre kleine Herde aus dem Tal, über die schneebedeckte

Hochfl äche und wieder abwärts, in das letzte Tal vor dem

Dorf. Nun stand ihnen noch ein steiler Anstieg bevor, dann ein Abstieg

auf dem rutschigen Pfad am gefrorenen Wasserfall entlang und

schließlich der Weg durch das Dorf.

»Laufen wir um die Wette?«, rief Tal und rannte auch schon halb

stolpernd die Böschung hinauf.

»Das ist nicht fair …«, rief Gaia, begann aber ebenfalls zu rennen

und lief ihrem Bruder inmitten der aufgeregt herumhüpfenden

Ziegen nach. Etwa auf halber Höhe kam ein Abschnitt, der so steil

war, dass er nur auf allen vieren zu bewältigen war. Sie ging ihn viel

zu schnell an, sodass sie nach wenigen Minuten anhalten musste,

um Luft zu holen, vornübergebeugt und schwer keuchend. Kaum

hatte sie sich wieder einigermaßen erholt, richtete sie sich auf und

schaute nach unten, um zu sehen, wie weit Tal inzwischen war. Da

schwappte eine Welle der Angst über sie herein, kälter als der bitterkalte

Abend oder der Wind und der Schnee.

Sie sah einen Fleck am Himmel, eine schwarze Rauchwolke, die in

den klaren, blauen Himmel emporstieg.

»Tal!«, rief sie voller Panik, und er drehte sich zu ihr, weil er

dachte, sie hätte sich verletzt. Doch sie zeigte nach oben. »Nein, da!

Schau!«

Er drehte sich wieder um, und sie hörte ihn »Nein!« keuchen,

ehe er erneut zu laufen begann und gegen die steile Böschung ankämpfte.

Sie kletterte ihm hinterher und rang verzweifelt nach Luft,

während sie sich mit zitterigen Fingern an spitzen Steinen und Dornengestrüpp

festhielt. Nur vage bekam sie mit, dass Tal inzwischen

oben angekommen war und erneut »Nein!« rief. Sie kämpfte sich

weiter, rannte die letzten paar Schritte auf wackligen Beinen.

Unter ihnen, im Dorf, stand der Markt in Flammen. Orangerote

Flammen, in ihrem Inneren glühend weiß vor Hitze, fraßen sich

durch die hölzernen Stützsäulen und Decken. Vor ihren Augen begann

eine Seite des Gebäudes zu wanken und brach dann in sich

zusammen. Ein Funkenregen stob in die Dämmerung.

»Warum ist niemand da, der es löscht?«, fl üsterte Gaia. Das war

das Schlimmste daran, das Schrecklichste an dem, was sie sahen,

denn der Markt war das wichtigste Gebäude im Dorf, und keiner der

Dorfbewohner würde tatenlos zuschauen, wie er niederbrannte.

»Keine Ahnung …«

»Warum? Wo sind denn alle?«

»Ich weiß nicht. Komm, Gaia!«

Rutschend und taumelnd rannten sie den steilen, vereisten Weg

neben dem Wasserfall hinunter und dann in halsbrecherischem

Tempo weiter auf dem Pfad, der am Bach entlangführte, und auf das

Dorf zu. Achtlos liefen sie am ersten Haus vorbei, doch schon nach

wenigen Schritten fi el Gaia auf, dass etwas nicht gestimmt hatte.

Abrupt blieb sie stehen und schaute zu der ärmlichen Hütte zurück.

»Tal!«, rief sie entgeistert. »Sieh doch! Schau!«

Das Haus lag in Trümmern, aus den schwarz verfärbten Steinen

und Holzbalken stiegen Rauchwolken auf.

»Mutter«, stammelte Gaia. »Tal, was ist mit Mutter?« Voller Entsetzen

schauten sie sich kurz an und rannten dann weiter. Sie stolperten

über Steine und über Furchen, rannten an dem lodernden

Marktplatz vorbei und über den Hauptweg des Dorfes. Zu beiden

Seiten schwelte das Feuer in den zerstörten, verlassenen Hütten.

»Nein«, stammelte Gaia immer und immer wieder, während sie

weiterhetzte. »Bitte, nein, nein, nein, nein, bitte nicht!« Doch als

sie bei ihrem Haus ankamen, sahen sie, dass es ebenfalls abgebrannt

war. Das Dach war halb eingestürzt, und zwischen den verkohlten

Balken waren große Lücken, durch die das letzte Abendlicht fi el.

»Nein!«, schluchzte Gaia, und diesmal war es fast ein Schrei. »Nein,

nein, nein!«

Tal rannte zu den Stufen. »Mutter!« Er rief, so laut er konnte, und

seine Stimme hallte an den Klippen wider. Doch aus dem Haus kam

keine Antwort; nur ein leises Zischen und das Murmeln von erlöschendem

Feuer war zu hören. »Mutter!«, rief er erneut. Aber wieder

kam keine Antwort.

Gaia schob sich an ihm vorbei und rannte die Stufen zur offenen

Haustür hinauf. »Vielleicht ist sie ja drin … verletzt …« Die beiden

Kinder schauten sich an. Vielleicht war ihre Mutter mehr als nur

verletzt. Davor hatte Gaia die meiste Angst, ebenso wie Tal, und sie

wussten beide, was der andere befürchtete, konnten es aber nicht

über die Lippen bringen.

»Sie könnte verletzt sein«, wiederholte Gaia. »Wir müssen nachsehen.«

Im Inneren des Hauses war es fast komplett dunkel, nur dank des

erlöschenden Flackerns des orangefarbenen Feuers und des grauen

Abends, der zum zerbrochenen Dach hereinfi el, konnte man in dem

kleinen Raum überhaupt etwas sehen. Die Fußbodenbretter und die

starken Balken, die sie gestützt hatten, waren verbrannt und in den

Kellerraum gestürzt. Auf einmal gab einer der brennenden Dachbalken

nach, fi el krachend in die übrigen Trümmer und riss eine

Menge Schieferplatten mit sich.

»Weg hier, Gaia!«, rief Tal. »Es ist zu gefährlich.«

Sie taumelten die Stufen hinunter und Gaia rannte hinter Tal zur

Seitenwand des Hauses. An der Kellertür blieb er kurz stehen, blinzelte

in die Dunkelheit und wagte sich dann einen Schritt hinein.

Doch abgesehen von geschwärzten und schwelenden Balken und

zerbrochenen Schieferplatten war nichts zu sehen. Auch hier war

ihre Mutter nicht, und deshalb drehte er sich rasch wieder um und

rannte eilends bergauf, wieder ins Dorf zurück. Gaia rannte ihm

hinterher und packte ihn am Arm. »Wo willst du hin?«

»Sie suchen. Irgendwo muss sie doch sein …« Er riss sich los

und wollte weiterrennen, doch Gaia packte ihn erneut am Arm und

zwang ihn, stehen zu bleiben.

»Wo willst du denn suchen?«

In der rasch zunehmenden Dämmerung bot das Dorf einen desolaten

Anblick. In den Häusern, die den Hauptweg säumten, fl ackerten

noch einzelne, letzte Flammen auf und die geisterhafte Stille wurde

nur hier und da von herabstürzenden Steinen und Schieferplatten

durchbrochen. »Tal, sie kann hier nirgends sein. Sie ist nicht da. Sie

ist fort …« Gaia begann zu weinen.

»Nein!«, rief Tal trotzig und verzweifelt. »Nein!« Er rannte weiter,

während er ununterbrochen »Mutter! Mutter!« rief. Gaia folgte

ihm. Am Markt blieb Tal stehen, legte die Hände als Trichter vor

seinen Mund und rief, so laut er konnte: »Mutter!«, doch sein Ruf

verhallte in der endlosen Dunkelheit.

»Tal? Gaia! Seid ihr es?« Von weiter oben kam eine Stimme, die

ihnen vertraut war. Doch es war nicht ihre.

»Das ist Ambrose.« Gaia fuhr sich mit dem Handrücken über das

Gesicht. Der Feuerschein auf dem Marktplatz ließ die um sie herum

anbrechende Nacht noch dunkler erscheinen und sie konnte

ihn kaum sehen: eine gebückte Gestalt, die den Hügel heruntergeeilt

kam. Sie liefen ihm entgegen.

»Ambrose, was ist passiert?«, rief Gaia ihm schon von Weitem zu.

»Wo ist Mutter?«

Er legte jedem von ihnen einen Arm um die Schultern. »Gehen

wir, ihr müsst aus der Kälte heraus. Sind das eure Ziegen?« Die Kinder

hatten gar nicht gemerkt, dass die Ziegen ihnen die ganze Zeit

gefolgt waren. Tal musterte die Tiere halb überrascht und nickte

dann geistesabwesend.

»Ambrose!« Gaia entwand sich seinem schützenden Arm. »Wo ist

Mutter?« Ambrose’ Körper wirkte steifer als sonst, bestimmt war

etwas ganz Schlimmes passiert. »Sie ist tot, nicht wahr?«

»Nein, Gaia!«, sagte er. »Nein, nein, sie ist nicht tot.« Doch er

klang so niedergeschlagen, dass seine Worte sie keineswegs beruhigten.

»Kommt mit, ins Warme«, wiederholte er. »Dann erzähle ich

euch, was passiert ist.«

Er führte sie vom Dorf weg und blieb dann vor einer der niedrigen

Öffnungen am Fuß der Klippen stehen.

»Das ist das Bergwerk!« Gaia war entsetzt. Die Mine war ein verbotener

und heiliger Ort. Wenn Ambrose wirklich wollte, dass sie

ihn betraten, dann musste die Welt, die sie bisher gekannt hatten,

tatsächlich in Scherben liegen.

»Ist schon in Ordnung«, versicherte ihr Ambrose. Aber vielleicht

hatte er gar nicht begriffen, warum sie so entsetzt war, denn er erwähnte

nicht, dass sie gegen ein heiliges Verbot verstießen. Er sagte

nur: »Wir halten uns unweit des Eingangs auf. Du brauchst dir keine

Sorgen zu machen. Der Mond kann uns dort noch sehen, aber

wir sind dennoch geschützt. Etwas weiter hinten gibt es auch einen

Raum für die Ziegen, einen niedrigen Tunnel, der aber nicht lang

ist. Sie können sich nicht im Berg verlaufen.«

Gaia hielt Tals Hand, als sie Ambrose durch die dunkle Öffnung ins

Innere des Berges folgten. Dann standen sie in einem niedrigen, viereckigen,

in die Klippen gehauenen Raum. Vor dem Wind war man

hier tatsächlich geschützt, doch dafür war es kühl und feucht: Wassertropfen

sickerten aus dem Gestein und liefen an den Wänden herunter.

Ein kümmerliches Feuer fl ackerte, das aber so viel Rauch erzeugte,

dass einem sofort die Augen brannten. In dem spärlichen

Licht konnte Gaia ein paar zusammengekauerte Gestalten erkennen,

die um das Feuer herumsaßen. Der alte Dot und Thea waren da, auch

Ambrose’ Frau Alma. Und außerdem drei Kinder: Phil und seine

Schwester Daria und deren Freundin Chloe. Aber sonst niemand.

»Ambrose?« Alma spähte in das Dunkel. »Wen hast du da mitgebracht?«

»Gaia und Tal.«

»Keine Spur von Selene?«, fragte sie.

»Nein«, antwortete er bedrückt. »Aber ich gehe nachher noch

einmal los, obwohl … ich bezweifl e, dass ich noch jemanden fi nden

werde.«

»Ambrose«, nahm Gaia einen neuen Anlauf. Sie zitterte am ganzen

Leib. »Bitte, sag es endlich. Was ist mit den anderen passiert? Wo ist

Mutter?«

»Sie wurden mitgenommen«, sagte er. »Wir wurden überfallen

– Dutzende von Kerlen kamen die Leitern herauf, so überraschend,

dass wir gar nicht reagieren konnten. Wir konnten niemanden mehr

warnen … sie zündeten unsere Häuser an und packten jeden, der

aus den Flammen gelaufen kam.«

»Wer hat sie mitgenommen? Warum? Wohin?«

Erschöpft griff sich Ambrose an die Stirn. »Wenn ich das wüsste

… Sie wurden die Leitern hinuntergetrieben, aber wohin, weiß

ich nicht …«

»Und wer

»Sklavenhändler«, erwiderte Ambrose. »Sie hatten es eindeutig

auf Sklaven abgesehen, die sie verkaufen können. Deshalb haben sie

Alma und mich, Thea und Dot auch verschont: Wir waren ihnen zu

alt. Aber eure Mutter haben sie mitgenommen und auch die anderen

Männer und Frauen und alle Kinder, die ihnen in die Finger kamen.

Es tut mir leid …« In seiner Stimme schwangen Tränen mit. Ambrose,

der weinte: Das war das Schlimmste und Schrecklichste, was

Gaia jemals gesehen hatte. »Ich konnte sie nicht beschützen. Es tut

mir ja so leid.«

Alma stand auf, legte ihm eine Decke über die Schultern und versuchte,

ihn näher ans Feuer zu ziehen, doch er sagte: »Ich muss weiter

nach Selene suchen.« Er zog den Kopf ein und schlüpfte durch

den niedrigen Höhleneingang wieder nach draußen.

Alma schaute ihm traurig nach und wandte sich dann an die Kinder:

»Kommt näher ans Feuer und wärmt euch«, sagte sie.

Benommen setzte Gaia sich zu den anderen ans Feuer und aß dann

auch etwas, ohne jedoch etwas zu schmecken. Dann streckte sie sich

neben Tal auf der nackten Erde aus und schlang die Arme um ihn. Er

war eiskalt. Aber schließlich schlief er in ihren Armen ein, während

sie selbst noch lange wach lag und auf die Schatten starrte, die im

Mondschein über den Boden wanderten, unfähig, etwas anderes zu

denken als immer wieder: Ich habe mich nicht bei ihr entschuldigt.

Am nächsten Morgen glitt sie nur langsam vom Traum in die Wirklichkeit

und brauchte eine Weile, bis sie merkte, dass sie nicht zu

Hause war: Sie spürte den harten Felsboden unter sich, der Lichtstrahl,

der über ihre Augenlider tanzte, kam aus der falschen Richtung,

und das leise Gemurmel kam weder von Tal noch von Mai.

Doch als sie die Augen öffnete, wusste sie auf einen Schlag, wo sie

war, und auch, warum sie hier war. Tal war bereits wach, er saß da,

den Kopf auf den Knien, und starrte vor sich hin. »Tal?«, sagte sie

zögernd, doch es kam keine Antwort.

»Dann gehe ich mal die Ziegen melken«, sagte Gaia.

»Nein, nein, ich mach das«, sagte er, stand auf und ging an ihr

vorbei in den hinteren Teil der Höhle, wo er zwischen den Ziegen

verschwand. Wenn Tal melkte, pfl egte er immer, wirklich immer,

vor sich hin zu singen oder zu pfeifen, doch an diesem Tag blieb er

stumm, und sein Schweigen klang in Gaias Ohren schlimmer als jedes

Gebrüll. Hilfl os schaute sie ihm eine Zeit lang zu, doch sie konnte

nichts für ihn tun. Sie stolperte zum Höhleneingang und hinaus

ins Freie. Der Himmel hing voller Schnee, schwer und gelblich, und

als sie dort im Schutz der steil über ihr aufragenden Felskuppe stand,

trieben einige vereinzelte Schneefl ocken durch die Luft.

Ambrose kam langsam den Weg vom Dorf herauf und trieb ein paar

beigefarbene und schwarze Ziegen vor sich her. Sie zitterten vor Kälte

und waren sichtlich verstört, denn sie scheuten und zuckten andauernd

zusammen. Plötzlich glitt ein Drache hoch über ihren Köpfen

hinweg und die kleine Herde lief in heller Panik auseinander. Gaia

rannte zu Ambrose, der hilfl os wirkte und offenbar nicht wusste,

wie er die verschreckten Tiere wieder zusammentreiben sollte.

»Soll ich dir helfen?«

Erleichtert blickte er sie an. »Danke, Gaia.«

»Wo ist Selene? Es sind ihre Ziegen, nicht wahr?«

Er nickte. »Sie waren die ganze Nacht über allein auf dem Berg.

Ein oder zwei Tiere fehlen, ich denke, sie wurden von Drachen geholt.

Deshalb sind diese hier auch so durcheinander.« Er schaute

Gaia in die Augen. »Selene habe ich nicht gefunden. Ich fürchte, die

Sklavenhändler haben auch sie mitgenommen.«

Es kam nicht infrage, die Ziegen an diesem Tag auf den Bergwiesen

grasen zu lassen. Sie blieben alle in der Nähe der Mine, suchten

darin Zufl ucht, wenn es zu heftig schneite, und gingen danach

schnell wieder nach draußen, um frische Luft zu schnappen, sobald

das Wetter sich etwas beruhigte.

Gegen Mittag saßen Gaia und Ambrose zusammen auf dem breiten

Stein neben dem Höhleneingang. Gaia schwieg. Sie musste daran

denken, wie sie damals hier gesessen und geweint hatte, an dem

Tag, als ihr größtes Problem darin bestanden hatte, dass sie die Web -

arbeit ihrer Mutter verpfuscht hatte. Auch Ambrose brütete in einem

dumpfen Schweigen vor sich hin, das ihn seit dem Vorabend

befallen hatte. So saßen sie da, bis auf einmal ein lautes Gebimmel

ertönte. Es war die Glocke, die neben den Leitern hing. Erschrocken

zuckten sie zusammen. Gaia packte Ambrose am Arm.

»Sie kommen doch nicht noch einmal, oder?«, stieß sie hervor.

»Sie … sie würden sicher nicht läuten …«, stammelte er verwirrt.

»Herrje«, knurrte er dann. »Heute ist Vollmond: Markttag! Komm

mit, Gaia. Wir müssen Rackin erklären, was passiert ist, oder Murrow

… wer immer auch gekommen ist.«

Es war Rackin. Er stand auf dem Marktplatz und starrte entsetzt auf

das Chaos aus heruntergefallenen Schieferplatten und Holzbalken,

die noch vor sich hin schwelten. Rackin trug einen dicken Pelzmantel,

der ihn noch stämmiger aussehen ließ als sonst, und sein Gesicht

war gerötet und verschwitzt von der Anstrengung des Heraufkletterns.

Als sie auf ihn zugingen, schüttelte er fassungslos den

Kopf. »Drachenzahn und Elfenwahn! Ambrose, was habt ihr hier

gemacht?«

Gaia funkelte ihn empört an, doch Ambrose sagte nur leise: »Das

waren nicht wir.«

»Was ist geschehen?«

»Sklavenhändler waren hier«, erklärte Ambrose. »Gestern. Sie haben

alle arbeitstauglichen Männer und Frauen und Kinder fortgeschleppt,

die sie fi nden konnten. Sie haben sämtliche Hütten angezündet

und auch den Marktplatz. Nur ein paar wenige von uns

ließen sie zurück, die Alten und eine Handvoll Kinder.« Er schaute

Rackin an. »Ich fürchte, heute seid Ihr vergebens gekommen, Mr

Rackin. Bedaure …«

Mit hängenden Schultern drehte er sich um und machte Anstalten,

wieder die Böschung hinaufzugehen, als Rackin ihm nachrief: »Moment,

Ambrose, wartet mal. Was waren es für Leute?«

»Das weiß ich nicht.« Ambrose schüttelte den Kopf. »Einer war

ein stämmiger Mann, größer als Ihr, und sehr kräftig, mit dunklem

Haar …«

»Hatte er eine Narbe auf der Wange?«

»Ja.«

Rackin nickte und stieß langsam die Luft aus. Seine Atemwolke

kräuselte sich in der Luft wie gefrierender Rauch.

»Ihr kennt ihn?«, fragte Ambrose.

»Leider ja. Ich komme nicht umhin, ihm hin und wieder über den

Weg zu laufen. Braggley. Gütiger Himmel, das tut mir leid, Ambrose.

Ihr seid ein stures Völkchen hier oben, aber das habt ihr wahrlich

nicht verdient.« Er ließ seinen Blick noch einmal über die Ruinen

des Marktplatzes schweifen und über das zerstörte Dorf dahinter.

»Was werdet ihr jetzt tun? Ihr könnt unmöglich hierbleiben.«

»Wir gehören hierher«, sagte Ambrose leise. »Wir gehen nicht

fort.«

Rackin schnaubte. »Das ist doch verrückt, Ambrose! Wenn ich im

Frühjahr wiederkomme, werdet ihr steif gefroren und verhungert

sein. Euch bleibt gar nichts anderes übrig, als …«

Ambrose schüttelte den Kopf. »Nein. Ihr habt doch selbst gesagt,

dass unten im Flachland ebenfalls Hunger und Verzweifl ung herrschen.

Glaubt Ihr, die Menschen würden uns helfen? Uns, einem

Haufen bedürftiger Fremder, die nichts zu bieten haben? Glaubt Ihr

das wirklich? Und außerdem – was ist, wenn es einigen der Verschleppten

gelingt, zurückzukommen? Nein, ich kann nicht fortgehen.

Ich muss hier warten, falls sie wiederkommen.«

»Braggley entkommt niemand, Ambrose«, sagte Rackin und seine

Stimme klang plötzlich bedrückt. »Und Sklaven werden nur selten

freigelassen. Wenn Ihr darauf wartet, einen von Euren Leuten

wiederzusehen, dann müsst Ihr verdammt viel Geduld haben.« Er

seufzte. »Was die Flachlandbewohner betrifft, so habt Ihr vermutlich

recht. Heutzutage ist es mit der Nächstenliebe nicht weit her.

Aber trotzdem … besser, als hierzubleiben, ist es allemal. Hier oben

ist bereits alles gefroren und ihr habt keine Hütten mehr …«

»Unsere Vorfahren lebten in Höhlen, ehe sie das Dorf bauten. Das

können wir auch. Wir werden schauen, was wir noch aus unseren

Hütten bergen können, wir haben unsere Ziegen …«

»Und was ist mit Futter? Oder Korn und Brennmaterial?«, gab

Rackin zu bedenken.

»Wir müssen eben noch einsammeln, was wir können, bevor der

große Schnee kommt.«

Rackin blickte in den bleiernen, gelblichen Himmel. »Viel Zeit

bleibt euch aber nicht mehr.«

»Das stimmt«, sagte Ambrose. »Deshalb verzeiht mir, dass ich

Euch jetzt stehen lasse und mich an die Arbeit mache. Einen schönen

Tag noch, Mr Rackin.« Er verbeugte sich und wandte sich ab.

»Wartet, Ambrose. Ihr seid ein Narr, aber Ihr seid ein guter

Mensch, und Braggley ist ein übler …« Rackin spuckte abfällig in

die Glut. »Ich will nicht, dass ihr seinetwegen leidet. Ich will niemanden

seinetwegen untergehen sehen.« Er schaute auf Gaia, die

blass und niedergeschlagen neben Ambrose stand. »Wurde deine

Mutter auch …?«

»Verschleppt.« Ihre Kehle war wie zugeschnürt. »Ja.«

»Armes Kind. Und was ist mit deinem Bruder?«

Sie wischte sich über das Gesicht. »Nein. Er ist noch da.«

»Gut.« Rackin richtete sich auf und rieb sich entschlossen die

Hände. »Also, Gaia, du holst jetzt ihn und die übrigen Kinder. Ihr

geht zur Klippe und holt alle Säcke ab. Bringt sie in eure Höhle oder

wo immer ihr auch haust.« Er wandte sich an Ambrose. »Ich habe

Weizen, Stroh und Brennholz mitgebracht. Es dürfte ausreichen, um

ein paar wenige Leute wie euch bis zum Frühjahr durchzubringen,

wenn ihr Maß haltet.«

»Aber wir können …«, begann Ambrose.

»Ich weiß, dass ihr nicht bezahlen könnt. Bezahlt mich, wenn ihr

wieder dazu in der Lage seid. Zum Beispiel, wenn ihr wieder auf Gold

stoßt.« Er grinste. »Also, und falls ihr ein paar Dinge aus den Hütten

bergen wollt, könnt ihr sicher Hilfe gebrauchen, nicht wahr?«

»Aber, Mr Rackin …«

»John. Nennt mich John. Aber jetzt an die Arbeit!«

Sie arbeiteten den ganzen Nachmittag über hart und wühlten zwischen

den Trümmern der Hütten, um alles noch einigermaßen

Brauchbare zu fi nden. Rackin war wie ein Riesenbär in ihrer Mitte: Er

trieb die Leute an, ermunterte sie zum Weitermachen und schleppte

die schwersten Lasten. Gegen Abend, als sich der Vollmond hin und

wieder zwischen den stürmischen Wolken zeigte, sah der Höhlenraum

völlig verändert aus. Aus einigen noch intakten Mauersteinen

und Holzbalken hatten sie ein paar schiefe Regale gebaut, auf denen

alle Gefäße und Behälter standen, die sie aufgetrieben hatten, gefüllt

mit dem Getreide, das Rackin mitgebracht hatte. An der gegenüberliegenden

Wand waren die Strohballen und das Brennholz aufgestapelt.

Die leeren Säcke hatten sie mit Heidekraut gefüllt, um aus

ihnen eine Art grobe Matratzen zu machen – sie waren zwar dünn

und klumpig, boten aber immerhin einen gewissen Schutz vor dem

kalten, nackten Steinboden. Ein helles Feuer brannte in der Mitte

des Raums. Als Rackin gebückt durch die niedrige Öffnung kam,

schaute er sich um, betrachtete die kleine Gruppe, die sich um die

Feuerstelle geschart hatte, und nickte zufrieden. »Könnte schlimmer

sein«, sagte er. »Jetzt habt ihr zumindest eine Chance, durch den

Winter zu kommen.«

»Danke, John«, sagte Ambrose. Etwas zögernd fuhr er dann fort:

»Es ist schon zu spät, um jetzt noch nach unten zu klettern. Wir haben

nicht das zu bieten, was sich für ein anständiges Vollmondfest

gehören würde, aber … du bist herzlich eingeladen, über Nacht bei

uns zu bleiben.«

»Gerne«, sagte Rackin und lächelte. »Eine angenehme Gesellschaft

und eine spannende Geschichte, mehr braucht es in meinen Augen

nicht für eine gelungene Vollmondfeier. Rück mal ein Stück«, sagte

er zu Tal und machte es sich bei den anderen am Feuer gemütlich.

Schweigend verzehrten sie ein einfaches, aber schmackhaftes

Mahl. Und weil es Brauch war, dass ein Gast die Vollmondgeschich-

te erzählte, räusperte sich Rackin nach dem Essen und begann: »Ihr

hört nun die Geschichte von Aquilon und der Ankunft des Winters:

Vor langer, langer Zeit, ganz zu Anbeginn aller Zeiten, gab es weder

Winter noch Sommer, sondern nur warmes Licht bei Tag und kaltes

Licht bei Nacht, das ganze Jahr über. Doch dann wurde der stolze

Aquilon, der Drachengott, neidisch auf die Sonne und sprach: ›Ich

habe nur kaltes Licht, während die Sonne Licht und Wärme hat, und

was sie hat, möchte ich auch haben.‹ Also rief er seine Drachen zusammen,

die kalten Geschöpfe der Nacht, und befahl ihnen, durch

die weiten Himmel bis zur Sonne zu fl iegen. Und die Drachen verschluckten

die Hitze der Sonne und kehrten mit Feuer in ihren Bäuchen

zu ihrem Gott zurück. Aquilon triumphierte und sagte: ›Jetzt

wird es keine Wärme mehr auf der Erde geben, außer jener, die meine

Drachen ausatmen.‹ Da wurde es auf der ganzen Erde bitterkalt

und die Drachen kamen angefl ogen. Die Menschen fl ehten Aquilon

an: ›Du mächtiger Gott, schick die Drachen wieder fort und gib uns

die warme Sonne zurück!‹ Doch er antwortete: ›Nicht, solange ich

ein Gott bin.‹ Und seit damals müssen wir unter seiner Kälte und

dem Feuer seiner Drachen leiden und frierend auf die freundlicheren

Monde des Frühjahrs warten.«

»Vielen Dank, John«, sagte Ambrose und wandte sich dann an

Tal. »Willst du uns nicht etwas vorsingen, Tal?« Doch Tal schüttelte

nur den Kopf, und deshalb erzählte Alma dann die Geschichte von

Lorkans und den Kindern.

»Jetzt verstehe ich«, sagte Rackin, nachdem sie geendet hatte.

»Deshalb also wollt ihr unbedingt bleiben.« Er schaute sich um und

dachte sich, dass wahrlich nicht viele von Lorkans’ Leuten und gar

nichts von Lorkans’ Reichtümern übrig geblieben waren. Und was

Lorkans’ Glück betraf … Es war so tot und vergangen wie der Mann

selbst, falls es ihn überhaupt jemals gegeben hatte. Aber er war hier

Gast, und es stand ihm nicht zu, Fragen zu stellen. Deshalb wiederholte

er nur: »Ich verstehe.«

Schweigen trat ein. Gaia fi el vor Erschöpfung fast sofort in einen

tiefen Schlaf, doch nur, um von Mai zu träumen, genau so, wie sie

ihre Mutter zuletzt gesehen hatte: verstört und in Tränen aufgelöst

nach ihrem erbitterten und unverzeihlichen Streit. Der Traum war

so unerträglich, dass sie sich zwang, aufzuwachen. Da merkte sie,

dass Ambrose und Rackin noch in der Hocke vor der Glut des erlöschenden

Feuers saßen und sich leise unterhielten.

»Wo wird er sie wohl hingebracht haben, John?«

»Braggley wohnt in Trebburn Parva. Ich bin mir sicher, dass er sie

dort auf dem Markt anbieten wird.«

»Und dann? Ich weiß nichts über diese Dinge …«

»Er wird sie so schnell wie möglich verkaufen wollen. Wenn ich

morgen in aller Frühe aufbreche, komme ich vielleicht noch rechtzeitig

an, um dabei zu sein.« In Rackins Stimme klang nur mühsam

unterdrückter Zorn mit. »Dabei dürfte er sie gar nicht verkaufen.

Durch Überfälle Menschen zu erbeuten und zu versklaven, ist verboten

– zumindest theoretisch. Aber die Nachfrage nach Sklaven ist

groß. Da schaut keiner so genau hin, woher sie kommen. Und wenn

ich ihm öffentlich vorwerfen würde, er hätte sie gestohlen, würde

er einfach behaupten, er hätte sie zur Begleichung einer Schuld bekommen

oder was weiß ich. Dann würde sein Wort gegen meines

stehen und er ist ein einfl ussreicher Mann. Das Beste wäre natürlich,

sie freizukaufen, aber …« Er ließ seinen Blick durch den düsteren

Höhlenraum schweifen. »Ich fürchte, ihr besitzt nichts, das so viel

Wert hätte, um auch nur einen der Verschleppten freizukaufen.«

»Dann haben wir sie also verloren«, sagte Ambrose und begrub

das Gesicht in den Händen.

Gaia dagegen setzte sich auf und lehnte sich vor. »Und was ist mit

meinem Amulett?«

»Was für ein Amulett?«, fragte Rackin.

»Schlaf weiter, Gaia«, sagte Ambrose mit einem leichten Tadel in

der Stimme. Doch sie ignorierte ihn, holte ihr Elfenbeinviereck aus

dem Beutel und zeigte es Rackin.

»Hier!«, sagte sie. »Es ist sehr alt. Ich weiß nicht genau, wie alt,

aber es ist schon seit Generationen in meiner Familie, nicht wahr,

Ambrose? Es gibt auch eine Geschichte darüber, die besagt, dass es

sehr wertvoll ist … Na ja, nicht direkt wertvoll. Bedeutend. Dass

es besondere Macht hat. Könnte ich es nicht verkaufen? Könnte

es nicht so wertvoll sein, dass ich Mutters Freiheit damit erkaufen

könnte?«

»Ihr und eure Geschichten«, murmelte Rackin. »Lass mal sehen.«

Er drehte das Amulett in seinen großen, kräftigen Händen hin und

her und versuchte, in dem Halbdunkel etwas zu erkennen.

»Komisches kleines Ding. Sind da so eine Art Schriftzeichen eingeritzt?«

»Ich glaube schon«, sagte Ambrose und Gaia fragte voller Eifer:

»Kannst du lesen, was sie bedeuten?«

Rackin schüttelte den Kopf. »Nein, ganz und gar nicht; es sind

komische Buchstaben. Vielleicht ausländische.« Er runzelte die Stirn.

»Ist nicht mein Metier. Käse, Getreide, Stoff: Das ist meine Welt. Bei

den Sachen kann ich im Handumdrehen den Preis nennen. Aber das

hier – davon verstehe ich nichts. Ich habe nicht die leiseste Ahnung.

Es könnte wirklich wertvoll sein, vielleicht aber auch völlig wertlos.

Und ich fürchte, es gibt in Trebburn niemanden, der mit solchen Sa-

chen handelt. Der einzige Ort, an dem man vielleicht mehr erfahren

und es verkaufen könnte, wäre Freehaven. Tut mir leid.«

Er gab ihr das Amulett zurück und Ambrose sagte: »Lass den Kopf

nicht hängen, Gaia. Es war lieb gemeint von dir. Aber jetzt leg dich

wieder schlafen.«

Sie hielt John erneut das Amulett hin. »Könntest du es nicht nach

Freehaven bringen?«

»Da komme ich nie hin, bedaure«, sagte John. »Ich habe keine

Genehmigung, so weit weg Handel zu treiben.«

»Kann ich vielleicht dorthin gehen?«

»Ausgeschlossen, Gaia!«, sagte Ambrose mit Bestimmtheit. »Du

verlässt den Berg nicht!«

Zornig fuhr sie ihn an: »Weil es irgendein längst toter Mann vor

Hunderten von Jahren mal so gewollt hat? Weil er uns früher irgendwann

mal Glück gebracht hat? Schau uns doch an, Ambrose!

Schau uns doch mal an!« Ihre Stimme bebte – aber nicht nur vor Zorn,

sondern auch, weil sie es wagte, diese Worte überhaupt auszusprechen.

»Wo ist sein Glück jetzt? Wo?«

Ambrose blieb ihr die Antwort schuldig, und deshalb wandte sie

sich an Rackin: »Was meinst du dazu?«

»Du meinst diesen –, wie hieß er noch gleich – diesen Lorkans?«

Er zögerte, ehe er fortfuhr: »Ich denke, du hast recht. – Entschuldige,

Ambrose«, fügte er hastig hinzu. »Ich bin nur Gast hier und

weiß, dass es mir nicht zusteht, mich dazu zu äußern … aber sie

hat recht, nicht wahr? Sein Verbot zu beachten, hat euch kein Glück

gebracht, schon seit ewigen Zeiten nicht mehr.« Er schaute wieder

auf Gaia. »Was aber Freehaven betrifft und wie du dort hinkommen

willst … ich weiß nicht, Gaia. Da gibt es so viele Wenns: wenn du

herausfi ndst, wer deine Mutter gekauft hat, wenn du es schaffst, den

langen, weiten Weg nach Freehaven zurückzulegen, wenn das Amulett

tatsächlich etwas wert ist, wenn du es verkaufen kannst, wenn die

Leute, die Mai kaufen, bereit sind, sie wieder zu verkaufen … Die

Chancen sind verschwindend gering.«

»Aber es besteht eine Chance«, sagte sie. »Oder?«

»Nun ja«, musste er zugeben. »Zumindest ist es die einzige Möglichkeit,

die ich sehe.«

»Gut, dann gehe ich«, sagte Gaia entschlossen. »Mit dir, John,

wenn du mich bitte bis nach Trebburn mitnimmst, und mit deinem

Segen, Ambrose, falls du ihn mir gibst. Aber gehen werde ich auf

alle Fälle!«

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